über den Sinn des Lebens

Ich sitze hier so für mich hin
in meinem Plüschgestühle.
Gar nichts zu tun, ist mir der Sinn,
nur wonnige Gefühle.

Im Radio spielt ein Jatzkonzert
aus eitel Dexter Gordon.
Den Alltag hab ich eingesperrt
in meines Herzens Norden.

Ich sitze so und sauge tief
an meinem Glimmgestänge.
Umfang mich, trauter Tabakmief,
und auch ihr Bebop-Klänge!

Ich schenk den zweiten Whisky ein;
ich spür ihn schon ein wenig.
Nicht mehr bedarf es, froh zu sein –
gleich bin auch ich ein König.1

Wie ich so sitze, lausche, sauge
an meinem Räucherstengel,
erscheint vor dem verdutzten Auge
urplötzlich mir ein Engel.

Zuerst ist mir, als träumte ich
den Gipfel meiner Wonnen.
Doch da – der Engel plustert sich,
scheint gar nicht wohlgesonnen:

Was fällt dir ein, so ohne Geist
die Stunden zu vergeuden!

Ein Engel, der Verdruß verheißt
und keine Himmelsfreuden?

Er spricht zu mir: Du tändelst bloß
mit deinem kurzen Leben.
Geh in dich, gib dir einen Stoß,
ihm einen Sinn zu geben!


Des Lebens Zweck, ich glaub, das war
was Hohes, furchtbar Hehres.
Bleib mir, du grimmer Missionar,
vom Leib mit so was Schweres!

Bereu! Denn eines Tages dann
trittst du vor deinen Schöpfer!

Es schüttelt mich – ohmannohmann!
Der Whisky ist ein Köpfer!

Er hebt den Finger hoch zu der
mir wohlbekannten Geste,
die sagen will, es kleckert sehr
auf deiner weißen Weste.

Ach, wenn er doch bald fertig wär
und himmelwärts entweichte!
Ich komm mir vor als wie bei der
Hals-Nasen-Ohrenbeichte.

Er fährt mich an: Verneinst du gar
des Lebens höh'ren Sinn?

Ich achselzucke, ratlos zwar,
doch glücklich immerhin.

Du rauchst, du säufst aus deinem Krug,
hörst unheilige Töne!

Noch einen Schluck, noch einen Zug,
wobei ich lustvoll stöhne.

Der Engel merkt, es fruchtet nichts;
es sträubt sich sein Gefieder.
Und schließlich, hölzernen Gesichts,
trollt er sich endlich wieder.

Nun sitz ich weiter für mich hin,
umwölkt von Dexter Gordon.
Für heut ist meines Lebens Sinn
mal wieder nichts geworden.

Merke:

Man sucht den Sinn des Lebens
aus gutem Grund vergebens.


Ein paar ähnliche Meinungen dazu:

Sinnvermissungen liegen ... daran, daß wir Sinnübererwartungen ha­ben.
Odo Marquard, Gießen

Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank.
Sigmund Freud, Wien

Die Frage nach dem Sinn kennt keine Ruh'.
Wohl weiß ich, daß ich bin, doch nicht, wozu.

Peter Rühmkorf, Roseburg
(mit freundlicher Genehmigung der Arno Schmidt Stiftung
)

Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen.
Samuel Butler, Strensham, England

Wer Beschäftigung im Leben hat, beschäftigt sich nicht mit dem Sinn des Lebens.
Gerhard Uhlenbruck, Köln

Wir kamen zu der Einsicht, daß es müßig sei, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, denn das Leben ist keine Antwort, das Leben ist die Frage und du selbst bist die Antwort.
Ursula K. LeGuin, Berkeley, Kalifornien

Mein Favorit:
Der Sinn des Lebens ist, daß man überlebt.
Tom Jones, Pop-Sänger, Treforest, Pontypridd, Wales (UK)
Das hat sich bereits in der kompletten belebten Natur her­um­ge­sprochen, offensichtlich nur noch nicht bei allen Menschen.

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1 Dieser Kanon ist möglicherweise nicht jedermann bekannt:
Froh zu sein, bedarf es wenig,
und wer froh ist, ist ein König.